Die riesigen Ausmaße
des unterirdischen Canons machen jene Attraktion
aus, die die Höhlen von Škocjan von anderen Höhlen
unterscheidet und sie an die Seite einiger weltbekannter
unterirdischer Sehenswürdigkeiten stellt. Durch
den Canon strömt die Reka, die vor der Cerkvenik-Brücke
nach Nordwesten abbiegt und ihren Lauf im Hankekanal
fortsetzt. Es ist dies ein 3,5 km langer, 10–60
m breiter und über 140 m tiefer unterirdischer
Kanal, der schon Ende des 19. Jahrhunderts erforscht
wurde. An einigen Stellen erweitert er sich zu
riesigen unterirdischen Hallen, deren größte die
Martelhalle ist, die mit einem Volumen von 2,2
Mio. m3 als größte bisher entdeckte unterirdische
Halle Sloweniens und eine der größten der Welt
gilt. Interessanterweise endet dieser riesige unterirdische
Canon mit einem ziemlich kleinen Siphon, der bei
ausgiebigen Regenfällen die gewaltigen, in die
Höhle strömenden Wassermassen nicht aufnehmen kann
und eine Aufstauung verursacht, die die Reka über
100 m hoch anschwellen lässt.
Martelhalle, eine der größten
unterirdischen Hallen in Europa und auch weltweit.
(…)
Hierum gossen wir rings Sühnopfer für alle
Toten:
Erst von Honig und Milch, von süßem Weine
das zweite,
Und das dritte von Wasser, mit weißem Mehle
bestreuet.
(…)
Nahm ich die Schaf', und zerschnitt die Gurgeln
über der Grube;
Schwarz entströmte das Blut: und aus dem
Erebos kamen
(…)
Beide liegenden Schafe, vom grausamen Erze
getötet,
Abzuziehn und ins Feuer zu werfen, und anzubeten
Aides' schreckliche Macht und die strenge
Persephoneia.
(Odyssee, Buch 5, Elfter Gesang)
Homers Epos schildert die Vorstellung
der alten Griechen von der Unterwelt, in der
sich Eingänge ins Schattenreich, Vulkane und
Höhlen befanden. Vor dem Eintritt ins Jenseits
bringt Odysseus den Göttern der Unterwelt, Hades
und Persephone, ein Trink- und Brandopfer dar.
Homers Odyssee, eines der ältesten erhaltenen
Epen, entspricht der Zeit der ersten Hälfte des
8. Jahrhunderts v. u. Z., lehnt sich aber an
noch ältere Traditionen an. Aus dieser Zeit stammen
auch die Funde in der Fliegenhöhle (Mušja jama)
bei Škocjan. In dieser 50 m tiefen Schachthöhle
entdeckten Archäologen über 600 Metallgegenstände,
die aus dem 12. bis 8. Jahrhundert datieren.
Die Siedlungen in Škocjan und Gradišèe, vor allem
aber die zahlreichen Gräber und andere reiche
Funde beweisen, dass dieser Raum im 1.
Jahrtausend v. u. Z. von großer Bedeutung war. Diese kommt
in der Fliegenhöhle am stärksten zum Ausdruck.
Die versengten, zerbrochenen Gegenstände aus
der Schachthöhle, größtenteils Waffen und Tierknochen,
zeugen davon, dass in der späten Bronzezeit über
der Höhle Opferungen stattfanden, die jenen gleichen,
die Homer im zitierten Abschnitt der Odyssee
beschreibt. Den Funden zufolge pilgerte man zu
diesem Kultzentrum aus mehr als 100 km entfernten
Gegenden, aus Italien, den Alpen, der Pannonischen
Tiefebene, vom Balkan und aus Griechenland. Die
Kontakte mit den weit entfernten Regionen spiegeln
sich auch in der Dorfgemeinschaft von Škocjan
wider, die sich von der damaligen Gesellschaft
durch ihren großen Reichtum und ihre ausgeprägte
soziale Hierarchie abhebt. Die riesigen Eingänge
in den Untergrund und die dramatischen Szenen
des Eindringens der Wassermassen in die düstere
Welt des Jenseits verliehen Škocjan bereits vor
drei Jahrtausenden eine starke symbolisch-religiöse
Kraft und ließen ein Kultzentrum entstehen, wie
es im slowenischen Raum und auch im weiteren
Umkreis kaum ein zweites zu finden ist.
Kulthandlungen und Opferungen
fanden im Gebiet von Škocjan schon seit der Vorgeschichte
statt.
Aufgrund der besonderen mikroklimatischen
Verhältnisse hat sich in der Velika dolina und
Mala dolina ein außergewöhnliches Ökosystem entwickelt.
So gedeihen beispielsweise nebeneinander alpine
(z. B. Aurikel) und mediterrane Pflanzenarten
(z. B. Venushaar), was sehr selten vorkommt.
Dies ist wegen der Standorte der alpinen Arten
möglich, die die Felsen auf der Schattenseite
der Dolinen bewachsen, wo auch im Sommer nur
selten die Sonne scheint und es das ganze Jahr
hindurch kühl bleibt. Die mediterranen Arten
können sich im Gegensatz zu den alpinen nur dort
halten, wo die Temperaturen nicht unter den Gefrierpunkt
fallen, was an der Decke der Schmidlhalle möglich
ist, wo die Temperaturen aufgrund der Höhlenluft
auch im Winter nicht unter null sinken.
Echte Pfingstrose (Paeonia
officinalis)
Die beiden Einsturzdolinen
und die Ponore in den Höhlen von Škocjan wurden
bereits in der Antike erwähnt und waren auf den
Landkarten des 16. Jahrhunderts eingezeichnet,
sie wurden von J. W. Valvasor beschrieben (1689)
und im 18. Jahrhundert von Reisenden besucht.
So gibt es eine Aufzeichnung über den Besuch
des französischen Malers Cassas im Sommer des
Jahres 1782, der die Reka und die Einsturzdolinen
malte. 1819 wurde ein Gästebuch eingeführt, und
der 1823 zur Sohle der Velika dolina angelegte
Besichtigungsweg wirkte sich auf den Besuch förderlich
aus. Als Beginn des eigentlichen Fremdenverkehrs
kann das Jahr 1884 angesehen werden, als die
Sektion des Deutsch-Österreichischen Alpenvereins
für das Küstenland die Höhlen in Pacht nahm und
Führungen zu organisieren begann. Aufzeichnungen
von Schmidl aus dem Jahr 1853 ist zu entnehmen,
dass es nur etwa 150 Besucher pro Jahr gab. Zu
Beginn des 20. Jahrhunderts gibt es Angaben über
die Besucherzahl in Bezug auf die verkauften
Karten: 1903 wurden 2230, zwei Jahre später schon
3013 Besucher gezählt.